Dienstag, 29. November 2016

Bin ich eine schlechte Mutter? - Erfahrungen mit einem Schreikind

Ich hatte von Schreikindern gehört. Darunter vorstellen konnte ich mir nichts und mein Kind würde doch auf keinen Fall so eins sein. Oh, ich war ja so naiv. Und dann kam Leon.



Leon war direkt nach der Geburt ein Vorzeigekind. Er schlief fast den ganzen Tag, wachte eigentlich nur zum Stillen auf. So hatte ich mir das vorgestellt. Doch mit ungefähr 3 Wochen begann Leon zu schreien.
Ich erinnere mich noch genau, das erste Mal schlimm war es an einem heißen Tag, an dem ich zum ersten Mal Milch abgepumpt hatte. Ich war der festen Überzeugung, dadurch würde Leon jetzt zu wenig Milch bekommen und aus Hunger so herzzerreißend weinen.



Doch auch die folgenden Tage schrie Leon häufiger. Erst nur eine Stunde am Stück, dann länger. Ich rief meine Hebamme an und schilderte ihr alles. Wir trafen sie und sie checkte Leon durch. Sie gab mir Tipps wie Babymassage oder ein Babyheilbad (dabei wird das Baby direkt nach dem Baden nackt auf die Brust von Mama gelebt, der spielt quasi das Bonding direkt nach der Geburt nach). Es half nichts.

Mein nächster Weg führte mich zum Kinderarzt. Auch der fand keine körperliche Ursache für das Schreien und sah Bauchschmerzen als Grund. Er verschrieb Leon Lefax, das ich ihm immer vor dem Stillen geben sollte, doch irgendwas in mir wusste, es waren keine Bauchschmerzen.



Inzwischen schrie Leon immer. Den ganzen Tag. 12 Stunden lang. Es gab nur 2 Möglichkeiten ihn zu beruhigen. Stillen und Tragen. Ich hatte Leon also durchgehend im Tragetuch; beim Essen, beim Putzen, beim Einkaufen. Nicht nur einmal zweifelte ich an meinen Fähigkeiten als Mutter. Machte ich irgendwas grundlegend falsch? Warum erkannte ich nicht, was meinem Baby fehlt?

Mein Mann war zu der Zeit unter der Woche nicht zuhause. Das hatte Vor- und Nachteile. Positiv war, dass ich alleine mit Leon zurechtkommen musste. Ich wusste, was er braucht, konnte mich ganz danach ausrichten und darauf konzentrieren. Der Nachteil war, dass die Papa-Sohn-Bindung unter dem Geschrei wahnsinnig gelitten hat. Wenn der Papa seinen Sohn sowieso nur anderthalb Tage die Woche sieht und in dieser Zeit macht das Baby nichts als Schreien und lässt sich ausschließlich von Mama beruhigen, dann kann das eine Beziehung nicht positiv beeinflussen und das tat mir furchtbar leid. (Gott sei dank, haben die beiden das inzwischen alles nachgeholt und sind ein super Team)

Ich war mit Leon auch einige Male bei einer Osteopathin. Die sah die Ursache für das Schreien in den schnellen Geburt und dass Leon sich entsprechend nicht langsam genug an die neue Umwelt gewöhnen konnte. Leon hat sich in den Sitzungen bei ihr auch entspannt, aber spätestens nach einer Stunde war alles wieder wie vorher. Er schrie.



Ich hoffte auf die magische 3-Monats-Grenze, doch auch da änderte sich nichts. das Familienleben war belastet. Ich musste zu 100% für mein Baby dasein, wir alle waren durchweg angespannt. Erst als Leon ca. 4 Monate alt wurde, wurde es langsam besser. Mit jeder Fähigkeit, die er neu erlernte schrie er weniger, weinte weniger, meckerte weniger. Sitzen und krabbeln waren der Durchbruch. Mit 5 Monaten wurde Leon deutlich entspannter.



Heute denke ich, dass die fehlende Möglichkeit, sich zu artikulieren und zu bewegen, und er Frust darüber  die Ursache für das Schreien waren. Aber auch heute ist Leon immer noch ein sehr sensibles Kind. Er meckert viel, ist schnell frustriert und launisch. Aber auch das wird sich legen. Wir haben ja schon ganz andere Zeiten zusammen durchgestanden.


Wenn auch ihr ein Schreikind zuhause habt oder vermutet, dass es sich bei eurem Kind um ein Schreikind handelt, holt euch Hilfe. Der erste Weg führt immer zu Hebamme und Kinderarzt. Aber auch Osteopathen und Heilpraktiker können eine Anlaufstelle sein. Versteckt euch nicht zuhause und vor allem, gebt euch nicht die Schuld. Ihr seid gute Mütter und ihr schafft das! 


 

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