Freitag, 27. Januar 2017

Erste Hilfe ist so wichtig: Teil 2 - Sei ein Lebensretter

Wir fahren auf der Bundesstraße auf dem Rückweg von unserem Wochenend-Wohnwagenurlaub. Alle sind entspannt. Plötzlich stockt der Verkehr. Dann sehen wir die Überreste eines Motorrads auf der Straße und daneben versuchen zwei Personen gerade, dem verletzten Motorradfahrer den Helm abzunehmen. Ich gucke meinen Mann an. Der nickt. Ich springe aus dem Auto und rufe "Ich kenne mich etwas aus mit Erster Hilfe. Braucht ihr noch jemanden?" Die Helfer winken mich sofort ran. Ich  laufe rüber, ohne Schuhe aber mit einer wichtigen Aufgabe. Leben retten!

Ich bin eher zufällig zur Ersten Hilfe gekommen. Für meinen Job als Schwimm- und Fitnesstrainer war ein Erste-Hilfe-Kurs obligatorisch. Natürlich musste ich den alle 2 Jahre auffrischen und bei der 4. Wiederholung konnte ich den (damals noch) 16-stündigen Kurs fast mitsprechen. Der Kursleiter sprach mich darauf an und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, als Ausbilderin in der Notfallausbildung zu arbeiten. Und bei neuen Aufgaben sage ich nicht Nein.

Ich knie am Kopf des verletzten Motorradfahrers und halte seinen Kopf fest. Er röchelt, ist bewusstlos. Ich rede ihm gut zu, sage ihm dass Hilfe unterwegs ist, dass ich bei ihm bin und er keine Angst haben muss. Ich weiß nicht, ob er mich hört. Aber falls ja, will ich dass er genau das weiß. Ich bin da. ich tue alles, damit er es schafft. Der andere Helfer zerschneidet seine Motorradkleidung und tastet seinen Körper nach Verletzungen ab. Der Motorradfahrer hustet. Aus seinem Mund kommen Blut und Schleim. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht zu zucken. Ich muss seinen Kopf festhalten. Vielleicht hat er eine Verletzung an der Wirbelsäule, deshalb stabilisiere ich ihn. Wann kommt denn endlich der Krankenwagen?

In meiner Zeit als Ausbilderin habe ich dutzende Erste-Hilfe-Kurse gegeben. Und eins war in allen gleich. Die Leute sind unsicher. Kann ich etwas falsch machen, wenn ich helfe? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie das genau geht. Was ist, wenn ich es noch schlimmer mache? Darauf gebe ich immer nur eine Antwort: Erst Hilfe ist einfach! Es gibt zwei Dinge, die jeder tun kann: Hilfe holen und Angst nehmen. Die 112, den Rettungsdienst anrufen, ist dank Handys leicht. Andere Leute heranholen auch. Und wenn ich wirklich nicht weiß, was ich machen soll, dann halte ich zumindest die Hand des Verletzten, erkläre ihm, was passiert und sage, dass ich da bin, dass er keine Angst haben muss. Das kann jeder, oder?

Endlich ist der Krankenwagen da. Endlich übernimmt jemand anderes die Verantwortung. Doch die Sonne knallt. Es ist heiß. Der Notarzt wird von der Sonne geblendet und kann nichts sehen. Ich renne zu unserem Auto und hole einen Schirm, um Schatten zu spenden. Mit der anderen Hand halte ich einen Infusionsbeutel. Es sieht schlecht aus. Der Motorradfahrer hat vermutlich eine kollabierte Lunge und die Beatmung funktioniert nicht richtig. Dann kommt der Rettungshubschrauber. Die Notärztin schafft es endlich, die Atmung zu sichern. Nach über einer Stunde liegt der Mann endlich auf der Trage und wird zum Hubschrauber geschoben.

 Die meisten Unfälle passieren im Haushalt. Das macht die Sache mit der Ersten Hilfe leicht, DENN: Normalerweise kennt ihr die Person, der ihr helfen müsst. Ihr müsst euch also wenig mit Ekel oder Berührungsängsten auseinandersetzen und es ist euch besonders wichtig, der Person zu helfen. Was die Erste Hilfe noch leicht macht? Ihr müsst nur für eine kurze Zeit helfen. Ihr seid keine Ärzte, ihr müsst keine Zauberkunst vollbringen. Ihr sollt einfach nur die Zeit überbrücken, bis der Rettungsdienst kommt und übernimmt. In Großstädten sind das 5-7 Minuten. Das ist machbar, oder?

Der Hubschrauber ist weg. Wir stehen noch andere Unfallstelle. Eine der anderen Helfer fragt mich: "War es richtig, dass wir den Helm abgenommen haben? Haben wir ihm nicht noch weitere Verletzungen zugefügt? Was ist, wenn er stirbt?" Ich beruhige sie. Sie hat genau richtig gehandelt. Ist die Person bewusstlos, muss der Helm runter. Ansonsten können wir die Atmung nicht sichern und ohne Atmung kein Leben. Außerdem sage ich ihr, dass er es bestimmt schafft. Er hat an der Unfallstelle 2 Stunden lang gekämpft. Er ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Alles wird gut. Kurz bevor wir fahren dürfen, frage ich einen Polizisten: "Wird er es wirklich schaffen?" Er sagt: "Ich weiß es nicht. Es sieht sehr kritisch aus. Aber ohne ihre Hilfe und die der anderen Helfer hätte er es nicht überlebt, bis der Rettungswagen da ist." Wir fahren nach Hause. Ich bin müde.

 Ich kann nur jedem immer wieder raten: Macht einen Erste-Hilfe-Kurs und frischt euer Wissen ab und zu auf. Wenn euch mal etwas passiert, würdet ihr auch wollen, dass jemand da ist und euch hilft. Erste Hilfe ist einfach und es ist eure Pflicht. Wer nicht hilft, kann nach §323 StGb mit Geldstrafe oder sogar Gefängnis bestraft werden. Aber was noch viel wichtiger ist: Es ist ein unbeschreiblich gutes Gefühl, wenn man jemandem geholfen hat.

Am nächsten Morgen rufe ich bei der Polizei an. Hat er es geschafft? Hat er überlebt? "Ja, er lebt. Es ist kritisch, aber er wird es schaffen." Lange nicht war ich so erleichtert.

1 Kommentar:

  1. Ich bin sprachlos, einfach sprachlos!!
    Schick dir ganz viel Liebe aus Köln!

    Liebst,
    Mina von Minamia.de

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