Dienstag, 21. Februar 2017

Meine türkische beste Freundin

Vor 21 Jahren, ich war 5 Jahre alt, kam abends das neue türkische Nachbarsmädchen an unserer Tür klingeln. Sie schenkte mir ein selbstgemachtes Bild. Von da an war sie meine Freundin. So einfach war das und so einfach ist es bis heute.

Eigentlich ist es irgendwie komisch, einen Artikel über seine beste Freundin zu schreiben und dabei noch im Titel zu erwähnen, dass sie Türkin ist, aber in Zeiten, in denen es selbstverständlich werden muss, dass Menschen verschiedener Herkunft, Kultur und Religion Freunde werden, miteinander leben, möchte ich euch gerne erzählen, welchen Mehrwert diese Freundschaft für mich hatte, abgesehen von den normalen Aspekten, die eine beste Freundin nun eben so mit sich bringt.


Selbstverständlichkeit einer Kinderfreundschaft

Ich habe es oben schon angedeutet. Sie hat mir ein Bild gemalt, dann waren wir Freundinnen. Es war mir egal, dass sie aus der Türkei kam und ihr war es egal, dass ich deutsch bin. Sie mochte Barbies, malte gerne und guckte gerne Sailormoon. Ich auch. Das war das Einzige, das zählte. Ich wünschte mir, dass wir auch heute noch so offen auf andere Menschen zugehen würden. Es sollte doch egal sein, woher wir kommen oder an welchen Gott wir glauben. Wenn wir die gleichen Interessen oder Wertvorstellungen haben, steht einer Freundschaft doch nichts im Wege.

Hilfe bei der Integration

Oft habe ich meiner Freundin und ihrem Bruder bei den Hausaufgaben geholfen. Sie konnten beide relativ gut deutsch, durch Kindergarten und Grundschule, aber eben nicht perfekt. Dadurch, dass ich ihnen geholfen habe, aber auch durch die ganz normalen Konversationen, die wir miteinander geführt haben, konnte sich ihr Deutsch weiter verbessern. Heute sprechen beide fließend, akzentfrei und fehlerfrei die deutsche Sprache. Meine Eltern haben ihren Eltern auch oft geholfen, Briefe an Ämter oder Behörden zu schreiben. Das war selbstverständlich unter Nachbarn. Außerdem habe ich meine Freundin auch in meine Freundeskreise mitgenommen. Sie hatte hauptsächlich türkische Freunde, so hat sie auch Kontakt zu Deutschen bekommen. Das hilft bei der Integration. Wir sind später auch zusammen zum Sport oder in Vereine gegangen. All das hat ihr (neben ganz vielen anderen Dingen, die sie alleine gemacht hat) geholfen, sich als Teil der Gesellschaft zu integrieren, so wie es sein sollte.

Eine neue Welt kennenlernen

Auch andersrum konnte ich wahnsinnig viel lernen. Ich war jeden Tag bei meiner Freundin. Ich war bei ihr, wenn Besuch kam und türkische Spezialitäten gekocht wurden. Bis heute gibt es für mich keine bessere als die türkische Küche. Meine Mutter hat sogar mal einen Kochkurs bei der Mutter meiner Freundin gemacht, aber egal wie sehr man es versucht, es wird nie so lecker wie bei ihrer Mutter direkt. Sie haben mich auch zur Moschee mitgenommen und ich dürfte beim Zuckerfest dabei sein. Es war völlig ok, dass ich eine andere Religion hatte. Ich war neugierig und sie haben mir alles gezeigt. Nie hätte ich diese Kultur so gut verstanden, wenn sie mich nicht eingeladen hätten, Teil ihrer Gemeinschaft zu sein, wann immer ich es wollte. Das Highlight war definitiv die Hochzeit meiner Freundin. Bei einer türkischen Hochzeit gibt es so viele Regeln, Traditionen, Konventionen, die man kennen und befolgen muss. Das war wirklich spannend. Und diese pompöse Hochzeitsfeier mit 500 Gästen war der Wahnsinn (auch wenn ich das nie für mich gewollt hätte). Wenn man jemanden aus einer anderen Kultur und Religion so gut kennenlernt, merkt man zwar die Unterschiede, aber vor allem lernt man, das wir im Grunde alle das Gleiche wollen: Frieden, Zusammenhalt, Vertrauen.

Neue Sprache

Das hat für mich im Alltag einen enormen Mehrwert. Mein Leben lang haben wir es im Haushalt meiner Freundin so gehandhabt, dass ihre Mutter mit mir ausschließlich türkisch spricht. So habe ich in all den Jahren türkisch gelernt. Ich verstehe fast alles und spreche bruchstückhaft. Intellektuell hat es mich also extrem weitergebracht. Manchmal ist es wirklich lustig, wenn andere nicht erwarten, dass man sie versteht. Und kaum einer erwartet, dass ein Deutscher türkisch kann.


Ihr seht, meine beste Freundin hat mein Leben so wahnsinnig bereichert (und das waren ja nur einige winzig kleine Aspekte) und ich wünsche mir, dass noch unendlich viele andere Menschen diese Erfahrungen machen können, dass sie sich auf den Kontakt mit Menschen anderer Kulturen, Religionen und Herkunft einlassen, sie kennenlernen.

Seid offen, seid Freunde!


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