Donnerstag, 9. März 2017

Kinder und Musik: Gastartikel von Opernsängerin Anna Lucia Richter Teil 2

Heute gibt es den 2. Teil des Gastartikels von Konzert- und Opernsängerin Anna Lucia Richter, die uns erzählt, wie sich das Singen mit Kindern positiv auf deren körperliche und psychische Entwicklung auswirkt und gibt wertvolle Tipps für das Singen mit Kindern. An dieser Stelle möchte ich Anna nochmal danken, dass sie sich so viel Mühe gemacht hat, diesen Beitrag zu verfassen.



(Photo: Matthias Baus, über http://www.ks-gasteig.de/index.php/de/richter-download/file/122-anna-lucia-richter-portrait)


Sabine Hirler (kindergartenpaedagogik.de) schreibt sehr schön: „Durch den aufrechten Gang des Menschen entwickelte sich durch den differenzierten Einsatz der Finger die Feinmotorik und parallel dazu die differenzierte Funktion der Stimmbänder. Das Sprachzentrum im Gehirn liegt nicht ohne Grund direkt neben dem Zentrum für die Motorik der Hände.“ Außerdem fördert Singen nachweislich das Zusammenwirken der beiden Gehirnhälften.


Nun sagen vielleicht einige Eltern: Schön und gut, aber ich kann/mag selber nicht singen. Ich schiebe einfach eine CD in den Player und fertig. Aber so einfach ist das nicht: Eine CD kann unbekannte Worte nicht erklären, sich nicht im Tempo dem Kind anpassen, eine Lieblingsstrophe x-mal wiederholen oder eine Pause machen, wenn dem Kind etwas anderes einfällt, was sofort erzählt oder in das Lied eingebunden werden soll.


Das Singen fördert auch die Freude an Sprache allgemein. „Da kommt ein Wort in dem Lied, das kannte ich noch nicht. Wieder ein Wort mehr, dass meine Gefühle ausdrücken, meine Welt beschreiben kann und etwas, auf das ich stolz bin!“ Und wir alle erinnern uns an Sing-Sang-Merksprüche aus der Schule: Man kann sich vieles besser merken, wenn es in eine rhythmische und/oder klangliche Form eingebunden ist.

Schon vor der Geburt haben wir einen Sinn für Rhythmus durch den Herzschlag und Gang der Mutter. Wiegenlieder, die diesem Puls nahekommen, beruhigen ungemein. Rhythmus beim Singen fördert das Verständnis für Sprachrhythmus. Sich dabei zu bewegen fördert die Koordination, die Verbindung der Nervenzellen im Gehirn (Hören - Motorik - Verstehen) wird angekurbelt (Neuronale Plastizität) und das ganze mit Freude: Musik beeinflusst nämlich auch das Belohnungssystem positiv und verringert die Tätigkeit des Angstsytems.

Kinder sind schon ab dem 7. Monat fähig, Melodien (im Lied und in der Sprache) zu unterscheiden. Singt man Lieder vor (und später gemeinsam) wird diese Aufmerksamkeit gestärkt. Sprachmelodien werden ausdrucksstärker und umfangreicher (beim Fragen wird die Stimme am Schluss höher, bei einer Aussage geht sie nach unten, bei einer Aufzählung wird sie höher oder bleibt gleich, und, und, und).

Beim Singen  erfährt man außerdem seinen Körper anders: Wie verändert sich die Atmung, die Körperspannung, die Haltung durch das Singen und singe ich anders, wenn ich hüpfe, im Buggy über Kopfsteinpflaster rolle (super beliebtes Spiel…) , wenn ich liege, krumm sitze, gerade sitze, stehe, tanze…

Mit der Stimme in verschiedenen Räumen zu experimentieren fördert die Raumwahrnehmung: Wie klingt meine Stimme in einem Fußgängertunnel, wie im Auto, in der Garage, im Badezimmer, wenn ich mir ein Kissen vor den Mund oder eine Tasse, Schüssel, Muschel ans Ohr halte…

Das Singen eignet sich auch sehr gut für Rituale. Natürlich vor dem Schlafen, beim Anziehen, waschen usw. Ich habe gemerkt, dass mein Stiefsohn oft mit einer „Quietschestimme“ aus dem Kindergarten nach Hause kommt, die gar nicht seiner normalen Stimme entspricht und die er wohl wegen der Lautstärke und weil er aufgedreht ist benutzt. Singen wir dann zusammen ein paar Lieder, nimmt er seine eigene Stimme wieder wahr und „fährt innerlich runter“.

Kinderstimmen sind höher als Erwachsenenstimmen. Ihr Kehlkopf sitzt noch viel höher als bei uns und sinkt erst mit den Jahren ab. Außerdem sind ihre Stimmbänder natürlich kürzer. Deswegen sollte man mit Kindern auch eher hoch singen. Ich finde aber, es ist zu kurz gedacht, immer nur von dem hoch Singen zu sprechen und dann vor sich hin zu quietschen. Der kindliche Stimmumfang ist nämlich auch nach oben hin begrenzt und es strengt Kinder auch an, zu hoch singen zu müssen.
In Noten ausgedrückt sagt man, der Umfang zwischen e’ und e’’ eignet sich zum Singen mit Kindern. Beginnend bei den Kleinen würde ich aber sogar nur mit einer Spanne von ungefähr d’ und c’’. Das ist natürlich ein bisschen theoretisch und außerdem nur allgemein: Manche Kinderstimmen sind höher, andere tiefer. Ein guter Test ist da, genau darauf zu hören in welcher Tonlage das Kind ruft. Z.B. „Papa, wo bist Du“ oder „Mama, schau mal“, „Hallo?“ oder „Kuckuck“. Diese sogenannte Rufterz oder auch schon einmal Quarte ist ein Bereich, den das Kind  spontan gewählt hat und in dessen Umfang es sich stimmlich sicher und wohl fühlt. Das kann man ja als Erwachsener kurz „nachsingen, nachahmen“ und ermittelt so, in welcher Lage man in Zukunft Lieder anstimmen kann.

Noch ein Tipp: So lustig es sein kann, mit dem Radio mitzusingen und so witzig es ist, wenn Kinder Pop- oder Rock-Sänger nachahmen: Diese kernige Stimme, die Popsänger verwenden (Bruststimme) ist mit Vorsicht zu genießen. Sie verleitet Kinder dazu, Druck auf die Stimme auszuüben und zu forcieren. Das kann im schlimmsten Fall zu Schäden an der Stimme und zumindest zum Verlust der hohen Stimmlage führen.

Alles kein Problem, solange Kinder Kinder bleiben und singen, wie es sich gut anfühlt. Dann ist es sicher gesund. Und jeder weiß wie eine gesunde Kinderstimme klingt: Hell und klar.


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